Annabelle

Annabelle trat in die Pedale. Sie genoss, wie der Fahrtwind durch ihre neuerdings kurzen Haare fuhr; sie liebte die Freiheit, nicht mehr in die Schule zu müssen.
Eine Freiheit, die sie als besonders kostbar empfand, weil sie wieder eingeschränkt sein würde, sobald im Sommer endlich die Ausbildung beginnen würde. Annabelle freute sich umso mehr darauf, weil sie wegen des Unfalls ein Jahr später anfing. Aber das Praktikum im Kosmetik-Salon machte ihr auch Spaß.

Mit geübter Hand warf sie vom Fahrrad aus je ein Exemplar der Zeitung zentimetergenau auf Haustürschwellen. Auf die Beweglichkeit des Handgelenks kam es an, die war ihr vom Badmintonspielen geblieben. Zack! Schon landete das nächste Journal vor einer Tür.

Lediglich bei Regen stieg sie vom Rad und trabte mit einem Zeitungsstapel über dem Arm jeweils ein Stück die Dorfstraße entlang, um die Ausgabe in den Briefkasten zu stecken. Die Tour dauerte dann etwas länger, doch das war ihr egal.

Im Umland, auf den Höfen oder bei allein stehenden Häusern warf sie das Exemplar bei jedem Wetter in die Kästen. Das hatte sich ebenso eingebürgert, wie am Ende ihrer Runde auf ein Schwätzchen auf Liz’ Hof haltzumachen.

Auf den Feld- und Fußwegen musste Annabelle nicht auf den Verkehr achten; dort radelte sie gemächlich vor sich hin und spielte in ihrer Fantasie unweigerlich Szenen aus ihrer Zukunft durch, in endlosen Variationen. Aber auf den Straßen wagte sie das seit dem Unfall nicht mehr; dort hielt sie jetzt alle Sinne auf den Verkehr gerichtet. Weiterlesen

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Otis

Er nahm den karierten Morgenmantel vom Haken an der Schlafzimmertür und zog ihn über. Die spärlichen Haare über seiner schmalen Stirn waren verstrubbelt. Seine Füße steckten in warmen Lammfellpantoffeln.

Eine Hand am Geländer, stieg Otis die unebenen Steinstufen hinunter. Noch immer war er nicht richtig wach.
Er brauchte Kaffee, viel Kaffee. Und ein umfangreiches Frühstück.

Eier, Speck, gebratene Tomaten und Champignons – das ganze Drum und Dran sollte es heute sein.

Er hatte es sich verdient. So viel erotischer Exzess machte ihn immer hungrig. Die ganze Nacht hatte es diesmal gedauert. Es war nach vier gewesen, als er endlich in den Schlaf gefallen war. Aber es hatte sich gelohnt. Noch ein Kapitel und er würde das Manuskript seinem Lektor schicken können. Der gierte schon danach – aus überwiegend kommerziellen Gründen.
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Eine Tüte grüner Wind fürs Ohr

Eine gute Nachricht: Eine Tüte grüner Wind wird neu als Hörbuch aufgelegt. Gestern habe ich den Vertrag unterschrieben. :-)

Die Audio-Ausgabe war schon länger vergriffen und wurde nur selten irgendwo gebraucht (und dann überteuert) zum Verkauf angeboten, seit der Radioropa-Verlag fast sämtliche seiner Kinder- und Jugendbuch-Hörbücher vom Markt genommen hatte.

Das Hörbuch wird bei SAGA Egmont erscheinen, wo kürzlich auch mein Roman Darcy – Der Glückskater im Buchladen als Hörbuch veröffentlicht wurde.

Gespannt bin ich auf das neue Hörbuch-Cover. Das vorige sah so aus: Weiterlesen

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Das Regenwurm-Dilemma

Jeffrey bückte sich nach einem hellroten Regenwurm, der mitten auf dem Bürgersteig lag, nahm ihn vorsichtig zwischen zwei Fingern auf und legte ihn im nächsten Vorgarten unter einen Strauch.

Noch bevor Jeffrey die Kreuzung erreichte, hatte er drei Regenwürmer gerettet. Einen hatte er seinem Schicksal überlassen – schweren Herzens, um sich zu beweisen, dass es sich nicht um einen Zwang handelte.

Über Zwangsneurosen hatte letzthin ein Psychologe mit Doktortitel im Radio geredet, in der Radio 1 Breakfast Show. Der Mann hatte ein Buch darüber geschrieben. Über Waschzwang und mehr. Es war beängstigend, was es da alles gab.

Über einen Regenwurmrettungszwang hatte er nichts gesagt, aber das so ein Zwang krankhafte Ausmaße annehmen und eine Vielzahl von Objekten betreffen könne. Es hatte Jeffrey beunruhigt. Weiterlesen

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Eine Schreibknoten-Entwirrerin und mehr

Kennengelernt habe ich Mischa „auf Zeche“, wie man im Ruhrgebiet sagt. ;-)
Allerdings malochten wir nicht untertage, sondern befanden uns in einem Seminarraum mit Tageslicht, bei einem Drehbuch-Workshop, den sie gab.

Ich war nach einigen Jahren in den USA zurück im Ruhrgebiet und dachte, ich wollte Drehbücher schreiben.
Bis heute habe ich keines geschrieben, was jedoch nicht an Mischa liegt, sondern daran, dass ich mich umentschieden habe, nachdem ich das Seminar dreimal besucht hatte. Die Workshops haben mir offensichtlich Spaß gemacht, und ich habe viel über das Schreiben gelernt, aber eben auch, dass ich besser bei Prosa bleiben sollte.
Zum Beispiel habe ich nie begriffen, wo in meiner Drehbuch-Story (eine kohlschwarze Krimikomödie) die Plotpoints saßen.
Mischa behauptet noch heute, sie seien vorhanden gewesen, lediglich für mich unsichtbar. Weiterlesen

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… ein gemütliches Lesecafé

„Briony führt ein kleines gemütliches Lesecafé in Little Nymfield, einem idyllischen Dorf in den Cotswolds. Ihr Geschäft läuft dank Touristen und einheimischen Stammkunden ziemlich gut bis im Ort Konkurenz auftaucht und Brionys Café dem Kampf ansagt. Da taucht Kater Darcy mit einem verletzten Kätzchen auf und bringt Briony auf neue Geschäftsideen.“

Das schreibt Laura vom Blog Lavendel knows best in ihrer Rezension zu meinem Roman und illustriert das Ganze mit diesem stimmungsvollen Foto (©lavendelknowsbest.blogspot.de).


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Schloss Hugenpoet

Wer den stimmungsvollen Nikolausmarkt auf Schloss Hugenpoet verpasst hat oder in Gedanken dorthin zurückkehren möchte: Mein Kurzkrimi Der kleine Ritter von Hugenpoet spielt dort und trifft die Atmosphäre genau, wie mir ein Leser versicherte. Wobei der dort stattfindende Mord selbstverständlich nur auf dem Papier passiert.

Passend irgendwie, dass bei meinem diesjährigen Besuch ein Krankenwagen am Rande parkte. Ich wollte ihn aus dem Foto schneiden, als mir einfiel, dass er ja zur Geschichte passt.

Der wahre und einzige Hugenpoet-Nikolaus. Für meine Geschichte habe ich eine kleine Heerschar von Hilfs-Nikoläusen auf den weihnachtlichen Markt geschickt.

Nikolausmarkt auf Schloss Hugenpoet. Foto: Gesine Schulz

Vor den beiden Hütten mit Produkten aus der Schlossküche hatten sich Schlangen gebildet.
Melanie lenkte sich damit ab, die Gläser mit Chutneys, Soßen und Konfitüren zu betrachten, bis sie an der Reihe war. Sie ratterte die gewünschten Sorten und die Anzahl der Gläser herunter, von Omas Pflaumenmus bis zum extragroßen Glas Pomeranzenmarmelade.

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