Eine Schatzinsel mitten in der Stadt

Sie lag mitten in Essen und barg nicht nur einen, sondern jede Menge Schätze.


Als Kind betrat ich die Schatzinsel oft, manchmal mehrmals die Woche, und zog schwer beladen nach Hause. Dass ich die gefundenen Schätze nach einer Weile wieder zurückbringen musste, fand ich nicht weiter schlimm. Es gab ja jede Menge Nachschub.

Schatzinsel stand über der Tür, die damals in die Kinder- und Jugendbibliothek der Essener Stadtbibliothek führte.
Hatte man das Bibliotheksgebäude betreten, wandten sich die Erwachsenen nach rechts und traten durch Doppeltüren in die „Erwachsenenbücherei“. Kinder und Jugendliche enterten ihr Reich durch den links gelegenen Eingang.

Dass es für uns ein eigenes Portal und eigene Räume gab, gefiel mir außerordentlich. Natürlich war der Roman Die Schatzinsel von Robert Louis Stevenson Namenspate, aber das wurde mir erst Jahre später klar. Doch welch glückliche Idee (von wem?), der Kinder- und Jugendbibliothek überhaupt einen Namen zu geben und noch dazu einen, der gleichzeitig als Motto diente und – sicher nicht nur bei mir – die Fantasie anregte.

Vom ersten Raum, der Jugendbibliothek mit der ovalen Ausleihtheke, führte eine weitere Tür in die Kinderbibliothek, mein Bücherparadies, mit Sitzplätzen und einem großen Aquarium. Sogar ein Kasperletheater gab es.

Aus einer bunten Reihe von aufgehängten Holzstäben musste sich jedes Kind nach dem Eintritt zunächst einen Stab aussuchen – rot, blau, grün oder gelb und mit unterschiedlichen Abziehbildern versehen, damit keine Verwechslungen vorkamen. Wer ein Buch aus dem Regal nahm, schob den Stellvertreter-Stab in die entstandene Lücke. So landeten Bücher, die wir nur anschauten, aber nicht ausleihen wollten, wieder am richtigen Platz im Regal. Es war nämlich eine Freihandbibliothek, wir durften also selbst an die Regale, was zu der Zeit noch keine Selbstverständlichkeit war.

Die ganze Atmosphäre war warm und heiter. Es roch gut nach Büchern. Hier fühlten sich Kinder wohl.

Der 1956 fertiggestellte Wiederaufbau des Bibliotheksgebäudes war bei der Eröffnung allgemein gelobt worden. Nicht nur die Einrichtung, auch die Farbgebung in den verschiedenen Bibliotheken beeindruckte: „… ausgesprochen froh und anmutig in der Kinderbücherei, in der wohl jeder Besucher noch einmal wieder Kind sein möchte“, schrieb ein Journalist1.

Als Kinder-Bibliotheksausweis diente ein orangefarbenes Heftchen, in das ich sorgsam eintragen musste, welche Bücher ich ausgeliehen hatte.
Hinter der Ausleihtheke standen freundlich-strenge Bibliotheksmitarbeiterinnen, die den auf die Theke gehievten Büchern die Buchkarten entnahmen und das Rückgabedatum auf die Fristzettel stempelten, die hinten im Buch klebten.

Die Buchkarten wurden wohl erst abends oder am nächsten Morgen nach Datum in die Karteikästen geordnet, denn einmal wurde furios nach den Karten meiner zurückgegebenen Bücher gesucht. Leichte Verzweiflung machte sich breit.

„Wann hast du sie denn ausgeliehen?“, wurde ich schließlich gefragt.
„Na, heute Vormittag“, sagte ich arglos. Und wusste von nun an, dass ich das künftig sofort sagen müsste!! Sonst würde man sich ja tot suchen.
Eine etwas jüngere Freundin, die mich oft in die Kinderbücherei begleitete, erinnert sich noch heute mit Vergnügen an diesen Vorfall.

Ein paar Jahre später absolvierte ich in der Jugendbibliothek ein Praktikum und durfte endlich selber Fristzettel stempeln und mit hurtigen Fingern Karteikarten ordnen. Die beiden Mitarbeiterinnen hinter der Theke schienen mir kleiner geworden zu sein. Doch es war wohl so, dass ich gewachsen war.

Ein Buch, das ich als junge Leserin hauptsächlich wegen des Umschlagbilds wiederholt ausgeliehen habe, war Verzauberte Welt von Eleanor Farjeon2. Solch ein Bücherzimmer unter dem Dach wie auf dem Cover hätte ich zu gerne gehabt.

Buchcover: Lilo Rasch-Nägele. Aus dem Englischen übersetzt von Edith Kranz-Russell.

Enid Blyton, Erich Kästners Emil-Bücher und die Kalle-Blomquist-Bücher von Astrid Lindgren beförderten sicher meine Krimi-Leselust, die bis heute anhält. Von den vielen Blyton-Büchern durften wir leider immer nur zwei auf einmal ausleihen, weil sie bibliothekarisch-pädagogisch schräg angesehen wurden.

Andere Geschichten weckten mein Fernweh in die bunte weite Welt.
Harriet – Spionage aller Art von Louise Fitzhugh3 war ein weiteres Lieblingsbuch, vielleicht das erste, das mich lesend nach New York führte.
Wie Harriet wollte ich später mal Schriftstellerin werden.
Ein hübscher Zufall, dass ich Jahrzehnte später in Manhattan eine Wohnung bezog, die nur eine Straße weiter lag als das Haus in der 87. Straße Ost, in dem Harriet im Buch wohnte.

Als ich für diesen Beitrag nach Fotos von der Schatzinsel suchte, wurde ich in einem Buch fündig, das zum hundertsten Jubiläum der Stadtbibliothek erschien4. Das kleine Schwarzweiß-Foto zeigt die Jugendbibliothek samt Treppe zur Empore und gewährt durch die Glastür auch ein Blick in die Kinderbibliothek.
Wenn ich könnte, würde ich so hineinspazieren.

Die Bibliothek in der Hindenburgstraße wurde 1987 geschlossen. Das Gebäude wurde abgerissen. Heute befindet sich die Zentralbibliothek samt Kinder- und Jugendbibliothek im umgebauten Gildehofbad.

———
1 Hans Harald Breddin, bei der Eröffnung der größten kommunalen Öffentlichen Bücherei der Bundesrepublik in Essen am 7. Februar 1956, in: Bücherei und Bildung 8 (1956), H. 4, S. 127.

2 Eleanor Farjeon: Verzauberte Welt. (Originaltitel: The Little Bookroom.) Aus dem Englischen von Edith Kranz-Russell. Umschlagbild: Lilo Rasch-Nägele. Boje-Verlag, 1957.

3 Louise Fitzhugh: Harriet – Spionage aller Art. (Originaltitel: Harriet The Spy.) Deutsch von Inge M. Artl. Bertelsmann Jugendbuchverlag, 1964.

4 Der Schlüssel zur Welt. 100 Jahre Stadtbibliothek Essen. Hrsg. Von Reinhard Brenner; Klaus Wisotzky. Klartext-Verlag, 2002. S. 93.

Dieser Beitrag ist in leicht gekürzter Fassung zuerst erschienen in der Festschrift Lesen ist bunt. 40 Jahre Verein zur Förderung der Kinder- und Jugendliteratur e.V. Zusammenstellung: Dagmar Mägdefrau. Essen: Verein zur Förderung der Kinder- und Jugendliteratur, 2020. 52 S. http://d-nb.info/1225127440

==================================================================

www.gesineschulz.com


www.instagram.com/gesine_schulz


twitter.com/GesineSchulz

=================================================================


Über Gesine Schulz

Schriftstellerin / Writer
Dieser Beitrag wurde unter Allgemeines, Buchbesprechung abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.