Im Maigret-Rausch

Ich gestehe es lieber gleich: Ich bin kürzlich einem Rausch verfallen.
Dem Maigret-Rausch. Lesenderweise.

Georges Simenon im Kampa Verlag, Zürich

Meine ersten (und vor dieser Attacke letzten) Maigret-Romane las ich vor Jahrzehnten, als ich mich in einer kleinen Stadtbücherei durch das bescheidene Krimi-Regal las. Es enthielt überwiegend Hardcover. Nicht nur die mit dem jeweiligen Rückgabedatum dicht bestempelten Fristzettel vorne im Buch verrieten, dass dies ein äußerst beliebtes Genre war – zumindest bei vielen Leserinnen und Lesern. Bei der deutschsprachigen Literaturkritik damals weniger. Und es gab auch noch Leute, die Krimis generell als „Schund“ abtaten.

Dort lernte ich die Romane von Dorothy Sayers kennen und lieben und las mich durch viele weitere ins Deutsche übersetzte Krimi-Klassiker, zum Beispiel die von Ngaio Marsh, Raymond Chandler, Dashiell Hammett, Josephine Tey, Georges Simenon. Chesterton fällt mir noch ein, und natürlich Arthur Conan Doyle. Viele Bücher stammten aus dem Krähen-Verlag, sofort erkennbar am hellgrünen Leinenrücken mit Silberschrift. Die Simenons waren damals vermutlich die bei Kiepenheuer & Witsch erschienenen Ausgaben.

Zurück zu meinem Rausch: Als die Essener Stadtbibliothek vor einigen Wochen nach der Corona-Schließung in die zweite Öffnungs-Phase trat, und eine jeweils begrenzte Zahl von maskierten Leuten wieder selbst an die Regale durfte, aber höchstens für dreißig Minuten, fiel mir beim hastigen Stöbern eine lange Reihe von schmalen roten Buchrücken ins Auge.

Es waren lauter Simenons, mit und ohne Kommissar Maigret, in der neuen Edition des (relativ neuen) Kampa Verlags.

Die Zeit drängte, ich nahm einen Band mit, und so begann’s. Es sind meist kurze Romane, in wenigen Stunden gelesen. Dass Simenon sie in unglaublich kurzer Zeit geschrieben hat, wusste ich. (Wenn ich daran denke, wie lange ich an meinen Kurzromanen schrieb … Na ja.)

Beim folgenden Bibliotheksbesuch legte ich gleich drei oder vier Simenons auf meinen Stapel. Ich las sie nicht ausschließlich, aber immer wieder einen. Maigrets Welt begann einen Sog auf mich auszuüben. Manchmal bin ich geradezu benebelt; vermutlich von all den Pfeifen und Zigaretten, die in den Romanen geraucht werden.

Dieser Lesestoff wird mir nicht so bald ausgehen: Die erste deutschsprachige Simenon-Gesamtausgabe wird alle 75 Maigret-Romane und 28 Erzählungen mit Maigret umfassen, dazu 117 andere Romane sowie weitere Erzählungen. Die Edition enthält teils Neuübersetzungen, teils überarbeitete Übersetzungen früherer Ausgaben.

Mein Französisch reicht bei weitem nicht aus, um die Originale zu lesen. Dass die Übersetzungen gut sind, schließe ich daraus, dass ich nur sehr selten über eine Stelle gestolpert bin.

Aber arme Madame Maigret:
Ihre Hände oder Finger werden in einem Roman als „feist“ beschrieben. Gäbe es da nicht einen freundlicheren und vor allem passenderen Ausdruck? Feiste Hände rufen in mir unweigerlich das Bild einer extrem übergewichigten Person hervor. Ist Madame Maigret, die gerne und gut kocht, nicht eher vollschlank, wie man früher sagte (und vielleicht wieder sagen sollte)?

„Die Putzfrauen fegten umher.“
Der Satz riss mich in der Kampa-Ausgabe von Maigrets Nacht an der Kreuzung aus dem Lesefluss. Die Szene im Präsidium ist eine ernste. Kurze Sätze beschreiben die Geräusche, die zu Maigret ins Verhörzimmer dringen.
Tja, und dann fegen anscheinend Putzfrauen auf den Fluren umher. Wie vom Sturmwind getrieben. Das Bild amüsierte mich. Fehlte nur noch, dass sie anfingen zu singen.

Putzfrauen fegen nicht umher. Mit Putzfrauen kenne ich mich aus. Ich sage nur Karo Rutkowsky ;-)
Wind fegt Blätter umher. Zum Beispiel. Na gut, eine einzelne Putzfrau könnte, lustlos und nachlässig oder eilig, ihren Besen umherfegen. Könnte. Aber nicht ein Trupp von Putzfrauen, finde ich. Außer in einem Musical.

Georges Simenon: Maigrets Nacht an der Kreuzung. Aus dem Französischen von Hansjürgen Wille, Barbara Klau und Bärbel Brands. Kampa Verlag, 2018.

Ich war neugierig genug, um den Satz mit dem französischen Original zu vergleichen.
Was Maigret neben hallenden Schritten in den Fluren, läutenden Telefonen, Rufen und schlagenden Türen hört, sind Les balais des femmes de ménage:
Die Besen der Putzfrauen.

Schritte hallten in den Fluren. Telefone klingelten. Zurufe. Türenschlagen. Mit Besen bewaffnete Putzfrauen
heißt es in Maigrets Nacht an der Kreuzung, in der 6. Auflage (2014). Übersetzung: Annerose Melter. Diogenes Verlag, Zürich 1983. Die Übersetzung wurde 1999 für eine Neuausgabe überarbeitet.

Lese-Empfehlung!
Georges Simenon: Maigrets Nacht an der Kreuzung. Aus dem Französischen von Hansjürgen Wille, Barbara Klau und Bärbel Brands. Kampa Verlag, 2018. 186 S. Die französische Originalausgabe erschien 1931 unter dem Titel ‚La nuit du carrefour‘ im Verlag Fayard, Paris.
Die deutsche Erstausgabe erschien 1965 unter dem Titel ‚Maigret und der Mann von Welt‘ im Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln. Übersetzung: Hansjürgen Wille, Barbara Klau. Die Übersetzung des Kampa Verlags wurde für die vorliegende Ausgabe von Bärbel Brands grundlegend überarbeitet.

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Über Gesine Schulz

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