Englischer Strickzirkel mit Tradition

Als die ersten Mitglieder des Strickzirkels eintrafen, war der größte Gäste-Ansturm im Café vorüber.

Briony nahm das Ab 16.30 Uhr reserviert-Schild von drei Tischen und schob sie aneinander.

„Hallo, Briony. Grünen Tee für mich, bitte.“ Joana ließ sich mit einem Ächzen auf den Stuhl sinken. „Muskelkater. Neue DVD. Fit ab vierzig. Fatal!“ Sie öffnete ihren Deckelkorb und nahm einen Stickrahmen heraus.

Mrs. Lammy bestellte einen Caffè Latte. Sie häkelte Topflappen für den Kirchenbasar.

Kaum ein Mitglied strickte während der Zusammenkünfte. Es wurde gehäkelt, geklöppelt, genäht und geklatscht.

Ein kürzlicher Neuzugang, Mrs. Norris, hatte in aller Harmlosigkeit vorgeschlagen, den Zirkel deshalb in „Handarbeitszirkel“ umzutaufen, und Empörung ausgelöst.

„Tradition, Mrs. Norris!“, hatte Mrs. Jocelyn ausgerufen. „Es geht um Tradition!“

„Jawohl“, hatte Mrs. Lammy zugestimmt. „Meine Großmutter war als junge Frau dabei, als der Strickzirkel im Zweiten Weltkrieg gegründet wurde, um warme Schals, Socken und Balaclavas für unsere Soldaten an der Front zu stricken. Die Wolle war khakifarben, marineblau, Air-Force-blau und grau, hat sie mir erzählt ‚Stricken für den Sieg‘ nannte man das damals. Es wäre unpatriotisch, den Namen jetzt zu ändern, nur weil nicht mehr alle von uns stricken.“

„Oh! Verstehe! Wusste ich nicht. Sorry!“ Rasch hatte Mrs. Norris in Erinnerung an die Gründerinnen eine Runde Lachs-Sandwiches spendiert, und der Vorstoß war ihr verziehen worden. Sie nähte sommerliche Stoff-Umhängetaschen, denen sie durch Applikationen das gewisse Etwas verlieh und die auf dem Basar sicher ein Renner werden würden.

Mrs. Jocelyn zückte ihr Notizbuch. „Briony, wirst du außer dem üblichen Gebäck an deinem Stand auch die Schokoladentorte anbieten? Dann erwähne ich das auf den Flyern.“

„Ja, wir wollen drei davon backen.“

„Nur drei? Gut. Ist notiert. Den Namen der Torte lasse ich aber lieber weg, was? Könnte Leute abschrecken, ha, ha. Köstlicher Tod auf dem Kirchenbasar. Klingt wie einer dieser Krimis von … wie heißt sie noch?“

Briony rang sich ein Lächeln ab. Es war albern, doch gegenüber ihrer früheren Mathe-Lehrerin von Beechwood fühlte sie sich immer noch etwas befangen. So, als könnte die ihr noch immer eine schlechte Note erteilen.

„Abschrecken, liebe Mrs. Jocelyn?“, warf Mr. Gisbourne ein, der seine Gobelin-Stickerei auspackte. „Dann haben Sie offensichtlich noch nicht gehört, dass Pfarrer Pence sogar vorhat, die Torte auf den Grabstein von Jeremiah Hickman eingravieren zu lassen.“

Die Frauen starrten ihn an.

„Nicht Ihr Ernst?“, sagte Mrs. Norris.

„Doch, habe es während der Trauerfeier aufgeschnappt. War doch so, Miss Walker?“

Briony lächelte unverbindlich. „Vielleicht war es scherzhaft gemeint.“

Joana runzelte die Stirn. „Eine Rose habe ich schon auf einem Grabstein gesehen, sogar ein Segelboot. Abgesehen von einem Kreuz, natürlich. Aber eine Schokotorte …?“

„Er meinte nur den Namen der Torte“, brachte Briony hervor, ehe sie in die Küche floh und losprustete.

Kiki folgte ihr mit einem Tablett mit gebrauchtem Geschirr. „Was war los?“

„Ach, Joana glaubt, der Pfarrer will unsere Torte auf Jeremiahs Grabstein eingravieren lassen.“

„Für eine Frau in ihrem Alter ist sie erstaunlich naiv.“

„Und Mrs. Jocelyn kritisierte, dass wir dem Basar nur drei Torten spenden wollen. So habe ich sie jedenfalls verstanden.“

„Mach dir nichts draus. Sie weiß doch, dass du das ganze Gebäck spendest und der Erlös voll in die Kasse fürs neue Dach fließt. Der Strickzirkel gibt immer nur ein Drittel von dem, was sie da einnehmen, für den guten Zweck.“

„Ja, aber sie sind auch kein Geschäft. Und weil Wolle und alles so teuer ist, wie sie immer wieder betonen.“

„Deine Zutaten regnen auch nicht wie Manna vom Himmel.“

„Reg dich nicht auf. Muss jeder selbst wissen. Oh, du wolltest mir doch was erzählen?“

„Oh, ja! Heute Mittag habe ich –“

Die Türglocke bimmelte. „Verflixt! Ich gehe schon, Briony.“

Briony wärmte kleine Teekannen vor und arbeitete die Sandwich-Bestellungen des Strickzirkels ab. Manche aßen viel, brauchten dann zu Hause kein Abendbrot mehr, andere wollten nur eine Kleinigkeit, um sich den Appetit fürs Dinner nicht zu verderben.

Kiki kam zurück. „Vier Tee, drei Käse-Toasts und eine Scheibe Dundee-Kuchen. Amerikaner!“

Briony nickte. Kiki liebte amerikanische Gäste. Sie waren die besten Trinkgeldgeber.

„Und Mrs. Jocelyn möchte ihr Sandwich lieber mit Eiersalat als mit Gurke, falls es noch nicht zu spät ist.“

„Ist es, aber wir sind ja kulant, nicht wahr?“ Briony öffnete das Sandwich und schob mit dem Messer die hauchdünnen Gurkenscheiben aufs Schneidebrett.

Kiki steckte sich eine in den Mund. „Und noch was Neues: Du rätst nie, wer das alte Schulhaus gekauft hat und demnächst einzieht. Nicole Duggins!“

„Nicole? Wirklich? Aus London zurück ins Dorf? Kaum zu glauben. Wer hat das behauptet?“

„Mrs. Lammy hat es vom Makler. Der golft mit ihrem Mann.“

„Dann wird’s wohl stimmen. Aber warum zurück, wo sie es damals doch nicht abwarten konnte, nach London zu ziehen? Warte, ich bringe das Tablett raus. Nimm du den Tee.“

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Auszug © Gesine Schulz.
Nachdruck nur mit Genehmigung der Autorin bzw. des Verlags.

Über Gesine Schulz

Schriftstellerin / Writer
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