Der Darcy-Porridge ;-)

Das Rezept für den perfekten britischen Porridge verriet mir vor Jahren eine walisische Studentin, die wie ich eine Saison lang in einem Schweizer Hotel arbeitete, das samt Gästen gut in einen Agatha-Christie-Roman gepasst hätte.

Glenys war Zimmermädchen, ich wurde zu meinem Erstaunen zur Frühstücksköchin bestimmt und geriet in Panik, als zum ersten Mal Porridge bestellt wurde. Von einem älteren Engländer. Der mir dann ein Kompliment in die Küche schickte :-)

Das Hotel wird vermutlich eines Tages in einem meiner Romane landen. Das Porridge-Rezept habe ich bereits untergebracht: In Darcy – Der Glückskater in Nachbars Garten kocht Barbara für sich und ihren Neffen Benny den wärmenden Haferbrei zum Frühstück:

Das Wasser im Stieltopf begann zu sprudeln. Es ging doch nichts über einen guten Teller Porridge am Morgen. Und nicht etwa dieses Instant-Zeug, das Emma benutzte, sondern von Grund auf selbst gemacht.

Barbara ließ Haferflocken ins Wasser rieseln, genug für zwei ordentliche Portionen. Trotz seines zarten Aussehens hatte Benny anscheinend ja einen guten Appetit. Er kam da nach Emma. Früher hatte Barbara ihre jüngere Schwester darum beneidet, dass sie essen konnte, was sie wollte, und trotzdem ihre zierliche Figur behielt.

Barbara achtete auf den Porridge, rührte ab und zu um. Als sich Blasen bildeten und beim Zerplatzen kleine Krater hinterließen, gab sie eine Prise Salz hinzu und schaltete die Herdplatte aus. Die homogene Masse löste sich vom Topfrand. Das war der Moment!

Sie befüllte zwei Schalen, gab je einen Klacks Butter auf den Haferbrei und goss vorsichtig Milch an den Rand. Der Brei hob sich ein wenig an, schwebte auf der Milch: der perfekte Porridge. Barbara lächelte zufrieden.

Sie rief Benny zum Frühstück. Nicht „zu Tisch“, der ja noch nicht da war. Emma hatte ihr noch einmal erklärt, warum Benny alles so wörtlich nahm.
In Jeans und Poloshirt und mit noch feuchten Haaren kam Benny in die Küche.

„Guten Morgen, Benny. Ich hoffe, du magst meinen Porridge. Sicher möchtest du ein wenig Zucker darauf?“

Benny überlegte. „Nein, heute nicht. Danke. Ich möchte oben essen.“ Er richtete einen fragenden Blick über Barbaras Schulter.

„Ja, warum nicht? Soll ich dir helfen, es hochzutragen?“

„Nein. Danke.“

Barbara setzte sich in einen der Klappsessel, legte die Füße auf den anderen und genoss in aller Ruhe ihren cremigen Haferbrei.

Die Morgensonne beschien den Garten ab der Mitte und ließ die gelben Wände der Küche leuchten. Der Rasen war von guter Qualität, um den müsste sie sich in ihrer Planung nicht weiter kümmern, aber ein Rasenmäher müsste her, und das wackelige Zaunpaneel hinten gehörte repariert. Vor eine Hälfte der Terrasse würde sie ein Duftbeet pflanzen. Etwas für jede Jahreszeit: Waldmeister, Lavendel, Duftveilchen. Die seitlichen Beete könnte man vertiefen. Für einen Sandkasten am Gartenende sei Benny mit seinen acht Jahren schon zu alt, hatte Emma gemeint. Eine Schaukel vielleicht. Man müsste sich erkundigen. Und vielleicht ein kleines Gartenhaus.

Benny war zurück. „Darf ich etwas Milch haben, Tante Barbara?“

„Aber ja! Bedien’ dich. Es ist ja dein Zuhause.“

„Ja. Das weiß ich.“ Sorgsam füllte er Milch in einen Becher und nahm eine Untertasse und einen Frühstücksteller aus dem Geschirrspüler.

„Was glaubst du, Benny? Wird es dir hier gefallen?“

„Es gefällt mir jetzt schon.“ Er nahm zwei Scheiben Roastbeef aus dem Kühlschrank, legte sie auf den Teller und griff nach dem Becher Milch.

„Möchtest du kein Brot dazu?“

„Nein. Danke. Ich glaube, Patches mag kein Brot. Milch mag er. Roastbeef bestimmt auch.“

„Patches? Ähm … Oh! Ist das dein Spitzname? In der Schule?“

„Nein. Patches ist ein Kater.“ Benny verschwand durch die Schwingtür.

Merkwürdiger kleiner Bursche! Davon, dass einsame fantasievolle Kinder sich imaginierte Freunde schufen, hatte sie erst kürzlich in der Woman’s Hour gehört. Aber von Katzen war bei Jenni Murray nicht die Rede gewesen. Patches … Nun, warum nicht?.

Barbara setzte Teewasser auf.

aus: Darcy – Der Glückskater in Nachbars Garten. ©Gesine Schulz. Nachdruck nicht gestattet.
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„Wer Romane über Bücher und England liebt, ein Katzenfan ist und von einer Welt träumt, wo auch Platz für skurrile Typen ist, der ist bei Gesine Schulz und ihrem Glückskater Darcy richtig. Damit sind glückliche Lesestunden sicher.“ –Eva Maria Nielsen (Kopenhagen)

In dieser Jahreszeit esse ich meinen morgendlichen Porridge gerne mit Zimt und kann dies nur empfehlen.

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Über Gesine Schulz

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