Nach Cirencester

Die Firma Ilford & Partners Estate Agents befand sich unweit des historischen Marktplatzes in der Cricklade Street, zwischen zwei Pubs in einer Reihe zweistöckiger viktorianischer Geschäftshäuser aus goldgelbem Cotswold-Stein.

Wie Freda von der Website wusste, hatte die Firma Erfahrung mit der Vermittlung großer und historischer Häuser und betrieb diskretes Marketing. Im Schaufenster hingen nicht, wie oft üblich, aneinandergereihte Fotos von Einfamilienhäusern, Eigentumswohnungen und Reihenhäusern. Hier beschränkte man sich auf den Firmennamen in goldener Schrift auf der Milchglasscheibe und den unauffälligen Hinweis auf die Mitgliedschaft im nationalen Fachverband.

Ein leises Summen verkündete Fredas Eintritt. Sie trat auf den weichen Axminster-Teppich und ging auf einen der beiden Mahagoni-Schreibtische zu, hinter dem sich ein junger Mann erhoben hatte und ihr entgegensah. Seine Goldrandbrille wirkte altmodisch und passte farblich zu seinem blonden Haar, das er in einem modischen Undercut trug, wie sie ihn von Nick kannte.

„Guten Morgen“, sagte Freda.

„Guten Morgen, Madam. Womit kann ich dienen?“

„Nun …“ Mit einem Mal wusste sie nicht so recht, wie sie anfangen sollte. „Also, es geht um unser Haus.“

„Ich verstehe. Um Ihr Haus. Sie denken daran, es zu verkaufen? Nehmen Sie doch bitte Platz.“

„Danke.“ Freda ließ sich in den Besuchersessel vor dem Schreibtisch sinken. Der Makler setzte sich wieder und lächelte wohlwollend, um nicht zu sagen: eine Spur herablassend. Freda nahm es ihm nicht übel, so sehr war sie bei Fremden daran gewöhnt. Es lag daran, dass sie klein war. Auch das Tweed-Kostüm und die Seidenbluse schienen hier nichts zu nutzen. Ihre Finger umklammerten den Handtaschenbügel. Ihr Anliegen in Worte zu fassen war deutlich anders, als nur so darüber nachzudenken.

„Unser Haus. Ja. Eigentlich möchte ich mich erst einmal erkundigen. Was es wert wäre, sollte ich mich zu einem Verkauf entschließen. Und wie Sie die Aussichten einschätzen, einen Käufer zu finden, und so weiter.“

„Verstehe. Um welches Objekt handelt es sich denn? Ich sollte Sie vielleicht darauf aufmerksam machen, dass Ilford & Partners auf Immobilien am oberen, höherwertigen Rand der Skala spezialisiert sind. Ich kann Ihnen aber Kollegen empfehlen, die in Ihrem Fall wahrscheinlich durchaus interessiert wären.“

„Oh. Höherwertig – na ja, darauf hoffe ich natürlich.“ Sie zog den Umschlag aus der Handtasche, in den sie einige Fotos gesteckt hatte. „Möchten Sie mal schauen? Es sind nur Schnappschüsse, doch vielleicht können Sie sich ein Bild machen.“

Er lächelte nachsichtig und nahm das Kuvert entgegen. Schon beim ersten Foto hoben sich seine Augenbrauen. Beim nächsten spitzte er die Lippen. Beim dritten sah er auf. „Ja … durchaus, Mrs. …?“

„Allendale“, sagte Freda und verbiss sich ein Lächeln.

„Sehr erfreut, Mrs. Allendale. Ich bin Peter Oulton. Darf ich Ihnen einen Kaffee anbieten, Mrs. Allendale? Oder einen Tee?“

„Nein, vielen Dank.“

„Ein Glas Wasser vielleicht?“

Freda stimmte zu, um nicht unfreundlich zu erscheinen. Er verschwand kurz in einem Nebenraum und kam mit einem Tablett zurück, auf dem zwei Flaschen Wasser und Gläser standen.

Mr. Oulton nahm einen Schreibblock aus der Schublade und zog die Kappe von seinem Füllfederhalter. „Beginnen wir mit einigen Details. Location, Größe und Alter des Hauses?“

„Es liegt in der Nähe von Little Biffum.“

Little Biffum“, notierte Mr. Oulton und sah auf. „Habe ich noch nie gehört, fürchte ich.“

„Machen Sie sich nichts draus. Das Dorf ist sehr klein, doch kein bloßer Weiler! Wir haben eine Kirche, einen Dorfladen und ein Women’s Institute. Und in der Kirche werden noch Gottesdienste abgehalten. Wir haben unseren eigenen Pfarrer.“

„Ah. Wie erfreulich. Aber wo liegt Little Biffum beziehungsweise das Haus? In den Cotswolds?“

„Aber ja. Weniger als dreißig Kilometer von hier. Sie kennen das Owlpen Valley?“

„Selbstverständlich, Mrs. Allendale. Das verborgene Tal bei Dursley.“

„Genau. Unser kleines Tal liegt nicht allzu weit westlich davon. Little Biffum befindet sich am Anfang des Tals, unser Besitz liegt mehr gegen Ende.“

„Alles klar. Idyllisch, aber abgelegen?“

„Das trifft es wohl. Ist das schlecht?“

„Das möchte ich nicht sagen, Mrs. Allendale. Es kommt immer auf den Käufer an. Manch einer sucht die Abgeschiedenheit. Den Fotos nach zu urteilen, ist das Haus aus dem frühen neunzehnten Jahrhundert?“

„Auch. Es ist im Lauf der Zeit immer wieder umgebaut worden. Im Kern stammt es aus dem siebzehnten Jahrhundert. Das genaue Baujahr müsste ich nachsehen.“

„Das hat Zeit. Einen Grundriss des Hauses haben Sie nicht zufällig dabei?“

Freda schüttelte den Kopf.

„Na, macht nichts. Wie viele Räume gibt es denn?“

Freda war froh, wenigstens diese Frage genau beantworten zu können.
Sie begann mit der Eingangshalle und zählte die Räume im Erdgeschoss auf: Wohnzimmer, Esszimmer, Jaspers Studierzimmer, der Garderobenraum, der Waschraum, durch die Schwingtür zu den Wirtschaftsräumen Küche, Vorratskammer, Putzkammer. Von der Halle die breite Treppe hinauf in den ersten Stock mit den Schlafzimmern, dem großen Badezimmer, dem Duschraum mit Toilette. „Das war vorher ein Ankleidezimmer“, erklärte sie, „aber wer braucht das heutzutage noch? Ein zweites Bad ist praktischer, finden Sie nicht auch?“

„Gewiss. Es gibt also lediglich zwei Badezimmer beziehungsweise Toiletten im Haus?“

„Nicht ganz“, entgegnete Freda mit leichtem Triumph. „Im Dachgeschoss, wo sich früher die Mädchenzimmer befanden, ist noch eins. Ziemlich altmodisch, mit einer Riesenbadewanne, aber auch mit einer Toilette. Und dann gibt es noch den Spitzboden. Und natürlich die Kellergewölbe.“

Mr. Oulton fragte und notierte. Freda hatte nicht erwartet, einem solchen Verhör unterzogen zu werden. Sie goss sich ein zweites Glas Wasser ein.

„Und nun zum baulichen Zustand.“

„Ganz gut, würde ich sagen. Schließlich wohne ich ja darin.“ Humor war anscheinend nicht angebracht. Mr. Oulton verzog keine Miene. „Es gibt natürlich immer mal was zu reparieren. Demnächst wird hinten die Dachrinne ersetzt und das Dach repariert.“

„Das Dach“, wiederholte der Makler gewichtig. „Wann wurde es zuletzt neu gedeckt?“ Der Füllfederhalter schwebte über dem Papier. Freda empfand den Blick des Mannes als bohrend.

„Neu gedeckt? Ja, ich weiß nicht. Da müsste ich Mr. Thornaby fragen. Doch es muss über zwanzig Jahre her sein.“ Bevor sie als junge Braut eingezogen war.

„Hm.“

Ein Minuspunkt anscheinend. „Oh, ich habe vergessen, den Wintergarten zu erwähnen!“

Mr. Oulton hielt den Wintergarten fest, erfragte die Grundstücksgröße, schien betrüblich zu finden, dass im Lauf der letzten Jahre Wiesen, Weiden und Felder im weiteren Umkreis verkauft worden waren und der Besitz erheblich geschrumpft war. Erst die Information, das Haus stehe entgegen seiner Annahme keineswegs unter Denkmalschutz, stimmte ihn sichtbar optimistischer.

„Das ist sehr gut“, sagte er. „Ganz ausgezeichnet. Viele Kaufinteressenten, besonders ausländische, lassen sich von den Auflagen für geplante Umbauten abschrecken. Ganz zu schweigen von den Genehmigungsprozessen der Baubehörde. Gut. Ich denke, dann haben wir das Nötigste.“ Er zog den Tischkalender heran. „Wann passt Ihnen ein Besichtigungstermin?“

„Ein …? Also, Mr. Oulton, so weit bin ich noch nicht. Ich wollte nur erst einmal eine ungefähre Vorstellung gewinnen.“

„Ich verstehe. Doch so aus der Ferne kann ich Ihnen keine auch nur halbwegs seriöse Angabe über den zu erwartenden Verkaufserlös machen. Ein persönlicher Blick auf das Objekt ist unumgänglich.“

„Ach.“

„Aber machen Sie sich keine Sorgen. Ilford & Partners legen Wert auf Diskretion, besonders im Vorfeld, doch auch in der Verkaufsphase, wenn wir unser Low Key Marketing einsetzen.“ Er reichte Freda eine Broschüre. „Darin ist alles erklärt.“

„Nun gut. Wann könnten Sie denn kommen? Mir passt alles außer Donnerstag. Da erwarte ich meine Putzfrau. Tracey ist ein Goldstück, doch diskret ist sie nicht.“

Etwas betäubt verließ Freda das Maklerbüro, einen Besichtigungstermin für den morgigen Mittwoch in der Tasche.

Es war naiv gewesen zu glauben, sie könne einfach so eine relativ genaue Schätzung erhalten. Und natürlich brauchte sie die, um weitere Überlegungen anzustellen. Sie hoffte nur, niemand möge Mr. Oulton erkennen. Ehe sie nicht mit den Kindern darüber gesprochen hatte, sollte niemand Wind von ihren Plänen bekommen. Das wäre nicht recht.
Sie hatte Mr. Oulton das Versprechen abgenommen, sich als Versicherungsvertreter auszugeben, sollte er in die Verlegenheit kommen, sich erklären zu müssen.

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Der Auszug stammt aus diesem Roman.
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Auszug © Gesine Schulz.
Nachdruck nur mit Genehmigung der Autorin bzw. des Verlags.

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Über Gesine Schulz

Schriftstellerin / Writer
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