Schrecksekunden

Er musste sich in Geduld fassen. Drystan wusste das.

Auch der hiesige Arzt, der ihm vorhin den Therapieplan erklärt hatte, hatte es betont. Geduld und die verschriebenen Behandlungen und Übungen, mit oder ohne den ihm zugeteilten Physiotherapeuten. Dazu entspannen, spazieren gehen im Park. Sorgen möglichst vergessen.

Drystan hatte genickt. Er war mit allem einverstanden. Was blieb ihm anderes übrig? Doch der Appetit war ihm vergangen, schon bevor er einen Blick in die helle moderne Cafeteria der Reha geworfen hatte.

Mehrere Gemeinschaftstische, an denen sich Leute schon zu Tee oder Kaffee versammelt hatten und sich lebhaft unterhielten. Mehr Männer als Frauen. Trainingsanzüge herrschten vor. Es hatte etwas von Jugendherberge, sah man von den Krücken ab, die an Tischen lehnten und vom Alter der Schnatternden, die überwiegend zwischen zwanzig und fünfzig zu sein schienen.

Drystan wandte sich ab und ging zum Aufzug. Es stand den Patienten frei, Mahlzeiten statt in der Cafeteria im Restaurant einzunehmen; allerdings war dort ein gewisser Dresscode erwünscht, der Trainingshosen ausschloss. Drystan bevorzugte lässige Kleidung, und zog Trainingshosen nur zum Joggen und beim Sport an.

Langsam durchquerte er die Eingangshalle und setzte den Stock dabei bewusst als Stütze ein. Als Gehhilfe. Mann, wie er es hasste, sein Tempo so zügeln zu müssen! Dieses Gehen müssen, als wäre er ein alter Mann. Schwer erträglich für sein Ego. Hätte er nie gedacht. Aber immerhin lief er nicht mehr an Krücken.

Im Restaurant gab es Vierer-, Zweier- und auch Einzeltische. Es überwogen hier ältere Herrschaften, was ein eigenes Risiko barg. Er sah niemandem ins Gesicht und steuerte einen unbesetzten Tisch in Fensternähe an. Auf dem Weg dahin landete eine blassblaue Leinenserviette vor seinen Füßen.

Spontan bückte er sich danach, Gott sei Dank mit der anderen Hand fest auf den Stock gestützt, richtete sich wieder auf und reichte die Serviette der alten Dame, der sie vom Schoß gerutscht war. Eine sehr alte Dame, der gepflegten Hand nach zu urteilen. Das freundliche „Danke“ ließ ihn dann doch in das Gesicht aufschauen, und wieder geschah es. Er kniff die Augen zusammen, öffnete sie weit, blinzelte ein paar Mal, vermochte den Blick nicht abzuwenden.

Es hatte ja auch etwas Faszinierendes -, oder hätte es, wenn es nicht auf die beschädigte Nervenverbindung in seinem Hirn hingewiesen hätte, von der er nicht wusste, ob sie ein vorübergehender oder permanenter Schaden war. Die Zeit schien wie jedes Mal still zu stehen, ein paar Sekunden oder nur Bruchteile davon. Dann richtete sich das Bild wieder. Wie jetzt. Schweiß stand Drystan auf der Stirn.

„Alles in Ordnung?“, fragte die Dame besorgt.

„Nur ein kurzer Stromausfall“, erwiderte er trocken.

Sie lachte auf. „Gute Besserung!“

Ihr Begleiter, ebenfalls an die neunzig, nickte aufmunternd und biss mit Appetit in ein dünnes Gurkensandwich.

Drystan bestellte bei der jungen Kellnerin eine Kanne Darjeeling-Tee und ließ den Blick durch den Saal schweifen. Ein schöner Raum. Durch die geöffneten bodentiefen Fenster trug eine Brise den Duft der Rosen herein.

Drystan sah nach draußen in den Park. „Immer wieder auch in die Ferne blicken“, hatte der Augenspezialist geraten. Drystan spürte, wie sich seine schmerzenden Schultern ein wenig entspannten.

Ruhe. Danach hatte er sich gesehnt. Nach Ruhe und Zeit, die Folgen des Blitzschlags auszukurieren.

Das Restaurant war eine handyfreie Zone. Ihm war’s recht.

Angebote für Aufträge abzulehnen, die er nicht annehmen konnte, frustrierte ihn nur noch mehr; von besorgten oder all zu oft neugierigen Anfragen von Kollegen und Bekannten hatte er inzwischen genug. Medienanfragen landeten bei der Agentur. Er hatte Georgina gebeten, Variationen des Standardsatzes verlauten zu lassen, er mache eine Arbeitspause, um sich von seinen Verletzungen zu erholen.

Alle paar Tage, das hatte er ihr versprochen, würde er sie anrufen, für den Fall, dass es etwas Dringendes gab, für das sie seinen Input brauchte.

Seine sämtliche Post würde Georginas Assistentin öffnen und so weit wie möglich erledigen. Briefe und Genesungskarten ihm vertrauter Menschen durfte sie ihm einmal die Woche nachschicken, so weit hatte er nachgegeben.

Der Tee war gut. Am Nachbartisch las ein älterer Herr die Financial Times. Beneidenswert. Lesen strengte Drystan seit dem Vorfall an. Solange das anhielt, sollte er die Augen nicht überlasten, war auch der Rat des Augenspezialisten gewesen.

An der gegenüberliegenden Saalseite kam die Kellnerin mit einer Gebäck-Etagere durch die Schwingtür, die sich hinter ihr nicht schloss, weil eine hochgewachsene junge Frau mit einer Küchenhaube sie ein Stück aufhielt, während ihr Blick suchend durch den Saal glitt. Sie entdeckte Drystan. Ihr Mund formte sich zu einem Oh. Sie riss sich die weiße Haube vom Kopf, machte einen Schmollmund und klimperte mit den Wimpern.

Drystan unterdrückte einen Seufzer. Er kannte diese Anzeichen bis zum Überdruss. Hier hätte er solche Belästigung nicht erwartet. Andererseits: Warum sollte ausgerechnet Cloisterby Manor frei von gut aussehenden jungen Menschen sein, die von einer Model-Karriere träumten? Die Aschblonde verschwand so ruckartig, dass jemand sie an den Schürzenbändern zurück in die Küche gezogen haben musste, oder in den Service-Bereich, der hinter der Schwingtür lag.

Drystan grinste, vergaß die Vorsicht, traf den Blick des Zeitungslesers am Nachbartisch, und wieder ging es los. Wenn er saß, konnte er den Anfall besser aushalten. Als die kurze Attacke vorüber war, hatte sich der Mann hinter der aufgehaltenen Zeitung versteckt, vermutlich empört über den vermeintlich zudringlichen Blick. Die junge Frau aus der Küche sehnte einen solchen vermutlich herbei.

Drystan schenkte sich Tee nach und vertrieb sich die Zeit damit, das Restaurant als Szenerie eines Fotoshootings zu sehen.

Die Kellnerinnen mit Spitzenhäubchen und weißen Schürzchen über den schwarzen Kleidern, die unbefangen Speisenden und zwischen den Tischen seine Modells, gleitend in … Abendgarderobe oder … nein, nicht gerade in Bikinis, doch vielleicht mit nur einem Touch von Stilbruch in zarten Nachtgewändern, wie Traumgestalten, entstiegen den Erinnerungen der älteren bis alten Herrschaften an ihre Jugend. Dazu etwas Bühnennebel? Grünlich angeleuchtet, um der Atmosphäre etwas Gespenstisches zu verleihen. Zwischen Traum und Albtraum.

Drystan dachte sich in gute Laune. Bis ihm einfiel, dass es im Bereich des Möglichen lag, dass er nie wieder zu einem Fotoshooting aufbrechen würde.

Nie. Wieder.

Grässliche Worte. Grässliche Aussichten.

Er schob die Teetasse beiseite und stützte sich beim Aufstehen auf der Tischplatte ab. Stock in die Hand und, ohne nach rechts oder links zu sehen, auf den Ausgang zu. Er würde sich bis zum Dinner hinlegen.

Die kurze Reise von London hatte ihn erschöpft. Ihn, der bis vor Kurzem, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, um die Welt gejettet war. Manchmal hatte er zwar über zu nah aufeinander folgende Termine gegrummelt, sogar davon, kürzerzutreten, hatte er geredet, wenn er seine Agentin ein wenig ärgern wollte, Narr, der er gewesen war!

Drystans Stimmung verschlechterte sich wieder. Er navigierte mit Bedacht durch die belebte Eingangshalle. Stock und Fuß, Fuß, Stock und Fuß und die rechte Hand fest, doch nicht verkrampft, um den Griff.

Der schwingende Saum eines dottergelben Sommerkleids erweckte seiner Aufmerksamkeit. Drystan sah auf. Im selben Augenblick blieb die Frau wie angewurzelt stehen. Sie schien ihn beinahe entsetzt anzusehen. Zumindest schaute sie missbilligend, als hätte sie seine schlechte Laune gespürt, was natürlich nicht sein konnte.

Doch er vergaß die Frau augenblicklich, als er hinter ihr Ozzie Osmington die Treppe herunterkommen sah, Arm in Arm mit einer lebhaft plaudernden Dame. Die alte Dame mochte hier wohnen, aber was machte der Schmierfink hier? Das konnte kein Zufall sein! Oder doch? Drystan hörte, wie sie Ozzie mit „Mein lieber Junge“ anredete.

Drystan löste sich aus seiner Schreckstarre, fluchte leise und trat die Flucht in Richtung des Aufzugs an. Die Türen öffneten sich. Ein paar Leute stiegen aus. Er musste ihnen ausweichen und verlor dabei seinen Stock. Verfluchtes Ungeschick!

Ehe Drystan sich bücken konnte, war eine rundliche Rothaarige herbeigelaufen und kam ihm zuvor. Er griff nach dem Stock und schaffte es in den Fahrstuhl, ehe die Türen sich wieder schlossen. Er drückte den Knopf für 2R, damit sich die Tür zur Reha öffnen würde.

Hatte er sich bei der hilfreichen Frau bedankt? Er wusste es nicht. Er hoffte, Ozzie hatte ihn nicht entdeckt.

Drystan knallte die Zimmertür hinter sich zu und ließ sich aufs Bett fallen. Zum ersten Mal seit Längerem sehnte er sich so richtig nach einem Gin Tonic.

Alkohol aufzugeben war ihm nicht allzu schwer gefallen, da die Situationen, in denen er aus Geselligkeit etwas trank, seit dem Unfall selten geworden waren. Abgesehen davon hatte er einen höllischen Respekt vor der Warnung des Neurologen, die Medikamente mit Drogen zu mischen. „Wozu auch Alkohol gehört“, hatte der Mann nachdrücklich gesagt.

Drystan setzte sich wieder auf und wählte die Nummer der Verwaltung. Er warnte die Direktorin, die ihm Diskretion und Abgeschiedenheit zugesichert hatte, vor der Anwesenheit des Klatschjournalisten. „Möglich, dass Osmington sich unter einem Vorwand hier einschleicht. Er scheint eine alte Dame zu kennen. Ich sah, wie er –“

„Oh!“, unterbrach Ms. Chilham. „Für Mister Osmington ist eins der Gästezimmer gebucht worden, die für Übernachtungsbesuch von Residenzbewohnern zur Verfügung stehen. Dr. Osmington hat es vorhin für eine Zeit bis zu einer Woche reserviert. Für ihren Neffen. Es tut mir leid, Mr. Cox.“

„Schon gut. Sie können ja nichts dafür. Trotzdem ärgerlich. Ich werde für die Zeit dann doch in der Reha-Cafeteria essen. In die Reha wird er ja wohl nicht vordringen dürfen, oder?“

„Aber nein! Nicht einmal in den Fitnessraum oder das Schwimmbad, die zu bestimmten Zeiten ja auch den Residenzlern zur Verfügung stehen. Für Besucher sind die tabu.“

„Gut. Das ist gut. Lassen Sie mich wissen, wenn er abfährt?“

„Selbstverständlich, Mr. Cox. Und mehr als das: Sollte er seinen Aufenthalt über die gebuchten Tage hinaus verlängern wollen, wird mir schon etwas einfallen, das zu verhindern. Reparaturen im Gästezimmer vielleicht. Oder …“

„Oder ein Ausbruch von Bettwanzen“, schlug Drystan vor. „Er ist ein solcher Dandy, sehr etepetete, das würde ihn –“

„Keinesfalls Bettwanzen! Mr. Cox! Stellen Sie sich vor, das würde durchsickern.“

Drystan lachte und legte auf.

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Neugierig geworden?
Lust auf mehr?

Der Auszug stammt aus diesem Roman.

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Über Gesine Schulz

Schriftstellerin / Writer
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