Annabelle

Annabelle trat in die Pedale. Sie genoss, wie der Fahrtwind durch ihre neuerdings kurzen Haare fuhr; sie liebte die Freiheit, nicht mehr in die Schule zu müssen.
Eine Freiheit, die sie als besonders kostbar empfand, weil sie wieder eingeschränkt sein würde, sobald im Sommer endlich die Ausbildung beginnen würde. Annabelle freute sich umso mehr darauf, weil sie wegen des Unfalls ein Jahr später anfing. Aber das Praktikum im Kosmetik-Salon machte ihr auch Spaß.

Mit geübter Hand warf sie vom Fahrrad aus je ein Exemplar der Zeitung zentimetergenau auf Haustürschwellen. Auf die Beweglichkeit des Handgelenks kam es an, die war ihr vom Badmintonspielen geblieben. Zack! Schon landete das nächste Journal vor einer Tür.

Lediglich bei Regen stieg sie vom Rad und trabte mit einem Zeitungsstapel über dem Arm jeweils ein Stück die Dorfstraße entlang, um die Ausgabe in den Briefkasten zu stecken. Die Tour dauerte dann etwas länger, doch das war ihr egal.

Im Umland, auf den Höfen oder bei allein stehenden Häusern warf sie das Exemplar bei jedem Wetter in die Kästen. Das hatte sich ebenso eingebürgert, wie am Ende ihrer Runde auf ein Schwätzchen auf Liz’ Hof haltzumachen.

Auf den Feld- und Fußwegen musste Annabelle nicht auf den Verkehr achten; dort radelte sie gemächlich vor sich hin und spielte in ihrer Fantasie unweigerlich Szenen aus ihrer Zukunft durch, in endlosen Variationen. Aber auf den Straßen wagte sie das seit dem Unfall nicht mehr; dort hielt sie jetzt alle Sinne auf den Verkehr gerichtet.

Hätte sie das damals auch getan, wäre sie vielleicht nicht umgefahren worden. Alle sagten, das sei Unsinn, sie solle sich nicht mit diesem Gedanken quälen, daher sprach sie es nicht mehr aus. Außerdem war’s passiert und nicht mehr zu ändern. Doch hin und wieder kam ihr dieser Gedanke in den Sinn.

Hätte sie dem bescheuerten Fahrer noch ausweichen können, diesem Idioten, der entscheidende Sekunden auf sein Handy statt auf die Straße geguckt hatte? Hätte sie dem Unfall entgehen können, wenn sie wachsamer gewesen wäre?

Wie von der Psychologin empfohlen blies Annabelle die Backen auf und machte „Puuuh …“ Den Gedanken wegpuuuuusten, die innere Verspannung lösen. Und noch einmal. „Puuuh …“

Dabei fiel ihr Blick auf Claudia, die einen kleinen Trupp ihrer heutigen Touristen im Schlepptau hatte. Sicher waren sie auf dem Weg zu The Chippy.

Annabelle betätigte mehrmals die Fahrradklingel und grinste. Die neue Klingel war nicht zu überhören. „Hi, Claudia!“

„Hallo, Annabelle.“ Claudia winkte und rief ihr entgegen: „Gibt’s was Neues?“

Annabelle schüttelte den Kopf und schrie im Vorbeifahren: „Sie hat heute den Termin in der Kanzlei. Bald wissen wir … Oh, verdammt! Dämlicher Raser!“
Sie kannte diesen Jaguar, der viel zu schnell durch das Dorf fuhr, während sein Fahrer ins Handy sprach. Und sie wusste, wo der Typ wohnte. Nur ein paar Kilometer außerhalb ihrer Zeitungsrunde.
Der würde sich noch wundern.

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Neugierig geworden?
Lust auf mehr?

Der Auszug stammt aus diesem Roman.

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Über Gesine Schulz

Schriftstellerin / Writer
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