Das Regenwurm-Dilemma

Jeffrey bückte sich nach einem hellroten Regenwurm, der mitten auf dem Bürgersteig lag, nahm ihn vorsichtig zwischen zwei Fingern auf und legte ihn im nächsten Vorgarten unter einen Strauch.

Noch bevor Jeffrey die Kreuzung erreichte, hatte er drei Regenwürmer gerettet. Einen hatte er seinem Schicksal überlassen – schweren Herzens, um sich zu beweisen, dass es sich nicht um einen Zwang handelte.

Über Zwangsneurosen hatte letzthin ein Psychologe mit Doktortitel im Radio geredet, in der Radio 1 Breakfast Show. Der Mann hatte ein Buch darüber geschrieben. Über Waschzwang und mehr. Es war beängstigend, was es da alles gab.

Über einen Regenwurmrettungszwang hatte er nichts gesagt, aber das so ein Zwang krankhafte Ausmaße annehmen und eine Vielzahl von Objekten betreffen könne. Es hatte Jeffrey beunruhigt.

Er schaute hinab auf einen langen zarten Regenwurm, der weiß und rosa geringelt war, ganz hübsch. Ihn retten oder nicht retten? Wäre es auch ein krankhafter Zwang, überlegte Jeffrey, oder ein noch krankhafterer, wenn er sich nun zwänge, das Tier nicht zu retten? Nur um sich zu beweisen, dass er nicht unter einem Rettungszwang litt? Jeffrey seufzte.

Er folgte seinem Impuls, hob den Wurm auf, setzte ihn mit einem gemurmelten „Viel Glück“ neben einen Straßenbaum und legte ein trockenes Blatt drüber. Dass er manchmal zu ihnen sprach, war relativ neu. Ein weiterer Grund zur Besorgnis?

Er überquerte die Straße. Das Schaufenster des kleinen Feinkostladens leuchtete in der Dämmerung. Das Geschäft hatte bis zehn Uhr geöffnet und gesalzene Preise. Aber auch beste Qualität. Jeffrey wählte fünf Zitronen aus. Zitronen für Emma.

Beschwingt machte er sich wieder auf den Heimweg. Zum Glück begegneten ihm nur drei Regenwürmer. Er rettete sie alle. Mit einem Mal war es ihm egal, was das über ihn aussagte.

Schuld an seinem Dilemma war Fred. Er war Angler und hatte sich mal über Regenwürmer ausgelassen. Dass sie sich bei lang anhaltendem Regen, wenn ihre Röhren fluteten, sich an die Oberfläche retten mussten, um nicht zu ertrinken.

Jeffrey hatte das nicht gewusst. Seitdem erschienen sie Jeffrey in einem anderen Licht. Lästig, aber so war’s.

Falls er vorher je über Regenwürmer auf Wegen nachgedacht hatte, dann höchstens, dass es ziemlich dumm von ihnen war, sich dort aufzuhalten, wo sie früher oder später von einem Schuh zerquetscht werden würden. Oder im besten Fall einem Vogel als Mahlzeit dienen würden.

Heutzutage machte er sich Gedanken über das Drama ihrer Existenz. Kürzlich hatte er sich sogar im Internet kundig gemacht und erfahren, dass Fred falsch lag. Die Wissenschaft wusste noch nicht genau, warum sie bei Regen an die Oberfläche kamen. Möglicherweise erstickten sie im Wasser. Unter der Erde. Auf der Erde starben sie wegen ihrer zarten Haut leicht an Sonnenbrand, sogar im Regen. Und sie hatten ein Bewusstsein.

Lauter Informationen, die es Jeffrey nicht leichter machten.

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Neugierig geworden?
Lust auf mehr?

Der Auszug stammt aus diesem Roman.

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Über Gesine Schulz

Schriftstellerin mit Vorliebe für Katzen, Gärten, Krimis, Irland, England… – VERÖFFENTLICHUNGEN: "Eine Tüte grüner Wind - Sommerferien in Irland" • "Darcy – Der Glückskater im Buchladen" & 5 weitere Darcy-Romane • Kurzkrimis über die Fälle der Privatdetektivin & Putzfrau Karo Rutkowsky • Kurzgeschichten • die Kinderkrimiserie "Privatdetektivin Billie Pinkernell". WEBSITES www.gesineschulz.com & http://www.billie-pinkernell.de
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2 Antworten zu Das Regenwurm-Dilemma

  1. Die Vorleser schreibt:

    Sehr sympathisch dieser Jeffrey und hoffentlich nicht ansteckend, sonst sieht man mich demnächst auch neben den Straßenbäumen. Liebe Grüße von den Vorlesern

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