White Christmas in Essen

White Christmas. Von Gesine Schulz. www.gesineschulz.com

Es ist kalt auf dem Essener Weihnachtsmarkt.
Zumindest in diesem Kurzkrimi.

Die berühmten Lichtwochen wurden von Lichtkünstlern und -künstlerinnen aus aller Welt gestaltet.

Und Privatdetektivin Karo Rutkowsky, wieder mal knapp bei Kasse, lässt sich als Sicherheits-Weihnachtsmann anheuern.

Hier der Anfang von

White Christmas

Karo stand im Vorraum der Damentoilette und betrachtete sich im Spiegel.
Niemand würde sie erkennen, oder? Sie zog die Mütze ein wenig tiefer ins Gesicht und strich den Bart glatt. Es war alles höchst bedauerlich. In dieser Vorweihnachtszeit hatte sie als Privatdetektivin besonders wenig zu tun. Die Auftragslage war an einem Tiefpunkt angelangt, den man lediglich deshalb nicht als dramatisch bezeichnen konnte, weil der Jahreshöhepunkt nur unwesentlich höher gelegen hatte. Na ja.

Dafür hatte sie in ihrem gut bezahlten und vor dem Finanzamt bisher erfolgreich verborgenen Zweitberuf als Putzfrau reichlich zu tun.

In den von ihr betreuten Villen war rechtzeitig mit den ersten Kränzen an der Tür das Weihnachtsfieber ausgebrochen.
Familienfeste wurden vorbereitet. Silberne Leuchter mussten geputzt, Gästezimmer wollten vorbereitet werden. Und jede Fläche Holz musste Karo mit besonderem Nachdruck polieren oder einwachsen. Offensichtlich war keiner ihrer Putzkundinnen der Artikel in einer der exklusiveren Wohnzeitschriften entgangen, in dem vom edlen und altmodischen Schimmer und wohltuenden Duft wohlpolierten Holzes die Rede gewesen war, der zum aromatherapeuthischen Muss für jeden gepflegten weihnachtlichen Haushalt erklärt wurde.

Noch vor dem zweiten Advent umgab Karo ein Aroma von Zitronenöl und Bienenwachs, das auch unter der Dusche nicht verschwand. Nicht mehr lange und sie würde aufs Duschen verzichten und ihren Körper einfach polieren können.
Die Massen von Weihnachtsschmuck – der geschmackvollsten Art natürlich – für draußen und drinnen, die Karo entstaubt und gesäubert hatte, spotteten jeder Beschreibung. Und nebenbei mussten natürlich die Häuser von den Fenstern bis zu den Fußleisten wie üblich gereinigt werden.

An der Putzfront lief also alles bestens. Wie immer. Wäre sie als Detektivin doch nur halb so begehrt. Aber selbst die eifersüchtigsten Eheleute des Ruhrgebiets scheuten sich, vor den Feiertagen möglichen Wahrheiten ins Gesicht blicken zu müssen und den brüchigen Familienfrieden zu Weihnachten vielleicht bröckeln zu sehen. Der Januar würde erfahrungsgemäß die Ernüchterung bringen und auch neue Überwachungsaufträge. Doch bis dahin waren es noch ein paar Wochen. Und sie brauchte jetzt ein offizielles Einkommen. Andernfalls würde sich das Finanzamt wieder mal wundern, wie sie beispielsweise ihre Büromiete bezahlte, und unangenehme Fragen stellen.

Ob sie eine Sonnenbrille aufsetzen sollte, um ganz sicher zu gehen? Oder würde sie damit die Aufmerksamkeit eher auf sich ziehen? Keinesfalls wollte sie erkannt werden. Irgendwie glaubte sie nicht, dass es ihrem Image als junger – okay: relativ junger aufstrebender Privatdetektivin förderlich wäre, wenn bekannt würde, dass sie als Weihnachtsmann rumlief, um nach Taschendieben Ausschau zu halten. Damit war sie kaum mehr als ein Kaufhausdetektiv – eine mindere Spezies, mit der sie keinesfalls verwechselt werden wollte.
Nur kein Selbstmitleid. Karo bleckte die Zähne. Der Januar war nicht mehr fern. Und schließlich war sie froh gewesen, als ihr Bernie heute morgen gesteckt hatte, dass die Organisatoren von „White Christmas in Essen“ dringend einen zusätzlichen Weihnachtsmann für ihr Sicherheitspersonal suchten. Ihr Vorgänger hatte sich am Vorabend im Vollrausch am Rande der Eislauffläche auf dem Kennedyplatz schlafen gelegt. Nachdem er mit Unterkühlung ins Klinikum eingeliefert und gefeuert worden war, fehlte ein Weihnachtsmann.
Der Erfolg des Winterfestivals hatte nicht nur bereits in den ersten zehn Tagen zu Besucherrekorden geführt, sondern auch Taschendiebe von nah und fern angezogen. Selbst eine berüchtigte Bande aus Schwaben, traditionell auf den Nürnberger Christkindlesmarkt spezialisiert, sollte sich auf dem Weg ins Ruhrgebiet befinden.

Okay. Sechzehn Uhr. Dienstbeginn. Auf ins Getümmel. Karo ging über den Flur zurück in ihr Büro. Sie verstaute das Dienst-Walkie-Talkie, etwas Geld, ein paar große Handschellen sowie eine Tüte Zimtsterne in den geräumigen Taschen des Kostüms. Sie schloss ihre Bürotür hinter sich und lauschte. Noch war alles ruhig im Gebäude der Lichtburg. Jeden Abend um achtzehn Uhr zeigte man Holiday Inn, den Film, der Irving Berlins Lied White Christmas berühmt gemacht hatte. Oder vielleicht war es ja umgekehrt, und Bing Crosbys unnachahmliche Art das Lied zu singen, hatte den Film berühmt gemacht. Um dreiundzwanzig Uhr gab es das Technicolor-Remake White Christmas. Karo bevorzugte das schwarz-weiße Original von 1942 und hatte es sich schon einige Male angesehen.

Das Walkie-Talkie knisterte. „Ja?“, sagte Karo.
„Hier ist Santa. Hier ist Santa. Santa an Rudolph.“
Karo verdrehte die Augen. Udo Timm, Ex-Feldwebel der Bundeswehr und Chef des Festival-Sicherheitsdienstes, war eindeutig zu lange in der amerikanischen Wüste stationiert gewesen. Er fand die von ihm vergebenen Codenamen witzig. Er hatte seine Sicherheitsweihnachtsmänner nach den Rentieren in einem amerikanischen Weihnachtsgedicht benannt: Dasher, Dancer, Prancer, Vixen, Comet, Cupid, Donner und Blitzen. Da es dort nur acht waren, taufte er den neunten Weihnachtsmann Rudolph.
„Was gibt‘s, Santa?“
„Bitte Position bestätigen, Rudolph. Roger.“
„Kettwiger Straße, Höhe Lichtburg.“ Das war kaum geschwindelt.
„Position beibehalten. Die Kettwiger runter bis zum Münster, Münster inclusive. Roger.“
„Okay.“
„Roger, Rudolph? Jede Durchsage ist korrekt mit Roger zu beenden! Gefälligst dran denken!“
Karo knirschte mit den Zähnen. „Roger, Santa.“

© Gesine Schulz

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White Christmas gibt es als E-Book u.a.bei bücher.de, Thalia, XinXii, und für den Kindle bei Amazon

Die Kurzgeschichte ist auch enthalten in Grab mit Aussicht – 11 saubere Fälle der Privatdetektivin & Putzfrau Karo Rutkowsky von Gesine Schulz, Leporello Verlag sowie in der ersten(!) Auflage von Der Beuys von Borbeck von Gesine Schulz. Leporello Verlag. ISBN 3-936783-07-1
Der Kurzkrimi erschien zuerst in Leise rieselt der Schnee… Hrsg. von Gisa Klönne, Ullstein Verlag.

Weitere weihnachtliche Lese-Tipps hier – vom allerbesten Baum bis zum Blaubart im Schnee.

Eine Übersicht über alle bisher erschienenen E-Books von Gesine Schulz.

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Über Gesine Schulz

Schriftstellerin mit Vorliebe für Krimis, Gärten, Katzen, Irland, England… – BÜCHER & eBOOKS: "Eine Tüte grüner Wind - Sommerferien in Irland" • "Darcy – Der Glückskater im Buchladen" • Kurzkrimis über die Fälle der Privatdetektivin & Putzfrau Karo Rutkowsky • Kurzgeschichten sowie die Kinderkrimiserie "Privatdetektivin Billie Pinkernell". WEBSITES www.gesineschulz.com & http://www.billie-pinkernell.de
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