Die kluge Gärtnerin denkt…

… im Herbst ans Frühjahr und setzt ihre Tulpenzwiebeln.

So auch Marlis in meinem Kurzkrimi Das Geheimnis der Guelder-Rose. Ihr Bauerngarten liegt am Niederrhein und wird –hofft sie – bald in das Besichtigungsprogramm der Offenen Gartenpforte aufgenommen werden. Mit ihrem kleinen Reiseunternehmen Guelder-Rose organisiert Marlis Garten-Reisen.

Für alle Gartenfreundinnen und Lehnstuhl-Gärtner hier der idyllische Anfang der Geschichte. Dass der Schluss vorübergehend weniger idyllisch ist, sollte klar sein. Schließlich handelt es sich um einen Krimi.

Gesine Schulz: Das Geheimnis der Guelder-Rose. Gartenkrimi
Das Geheimnis der Guelder-Rose

Marlis senkte die Tulpenzwiebel in die Erde, die letzte von vier Dutzend, schob die angehäufelte Erde mit beiden Händen in das Loch und drückte sie an. Sie richtete sich auf und streckte den Rücken. Ein herrlicher Herbsttag. Die Sonne stand schräg und sandte ihre Strahlen bis tief unter die Sträucher. Jeder Ziegel auf der Rückseite des zweistöckigen Hauses leuchtete in dem milden Rosarot alten Backsteins.
Die weißgestrichenen Fensterrahmen, der Himmel in reinem Delfter Blau, an dem ein paar Federwolken gen Holland zogen … und die Luft …Marlis schloss die Augen und atmete tief ein. Der Geruch nach frischer Erde, trocknendem Gras und ein Hauch von Abendkühle. Sie liebte den Herbst. Anfang der Woche hatte sie begonnen, den Garten aufzuräumen. Zweige abgeschnitten und gehäckselt,
Kompost auf den Beeten und unter den Sträuchern verteilt. Alles Tätigkeiten, die mit angenehmen Gerüchen verbunden waren.

Sie genoss die Stille, die nur hin und wieder vom zufriedenen Gackern ihrer beiden Hühner unterbrochen wurde und vom Motorengeräusch einiger Autos, die auf der Landstraße Richtung Issum fuhren.
Mit bloßen Fingern streifte Marlis Erdkrumen von der Forke. Sie gähnte und blickte hoch zu den Fenstern der ersten Etage, die in der Sonne blitzten. Ende des Monats würde Herr Hüllbusch ausziehen. Wollte heiraten, zum ersten Mal, mit über fünfzig. Seine Verlobte, eine Kollegin aus der Sparkasse, besaß ein Einfamilienhaus in Kerken. Abbezahlt, wie er gerne betonte.
Marlis hoffte, der nächste Mieter würde sich als ein ebenso angenehmer Nachbar erweisen. Die nächsten Mieter, korrigierte sie sich, denn ihr eigener Umzug von der oberen Etage in die Parterrewohnung stand bevor und ein Nachmieter für ihre Wohnung war auch noch nicht gefunden.
Gleich in ihrem ersten Gespräch mit Herrn Vandeproel hatte sie sich erboten, die Suche nach neuen Mietern zu übernehmen. Schließlich würde sie mit den Leuten in einer Hausgemeinschaft leben müssen und ihm würde es Mühe und Zeit sparen.
Thomas Vandeproel hatte ihr einen Blick zugeworfen, der seine Abneigung gegen sie kaum verbarg, und den Kopf geschüttelt. „Darum kümmere ich mich lieber selber, Frau Huyser. In der Erbengemeinschaft bin ich für das Haus verantwortlich und ich habe meine eigenen Vorstellungen, welchen Typ Mieter ich gerne hätte.“
Ganz offensichtlich entsprach sie diesem Typ nicht. Anfang Fünfzig, alleinstehend, ruhig, die Miete immer pünktlich überwiesen. Okay – vor acht Monaten hatte sie ihre Stelle im Reisebüro verloren, als es pleite ging, und damit ihr gesichertes Gehalt, aber das wusste er nicht.

Nein, als Mieterin konnte er eigentlich nichts gegen sie einzuwenden haben. Was ihn störte, schwarz ärgerte und manchmal zur Weißglut brachte, war,
dass sie nun keine Mieterin mehr war.

Nicht, seit ihr Vandeproels Großonkel, der alte Herr Klockenbring in seinem Testament das Wohnrecht auf Lebenszeit vermacht hatte. Noch dazu in der Parterrewohnung mit dem schönen Wintergarten. Und dieser große Bauerngarten gehörte mit dazu. Marlis lächelte. Sie hatte nichts von seiner Absicht geahnt. Der Brief des Anwalts aus Xanten, den sie wenige Tage nach Herrn Klockenbrings Beerdigung im Briefkasten fand, hatte sie überrascht wie zuvor nichts in ihrem Leben. Überrascht und erleichtert.
Denn nun brauchte sie nicht mehr zu befürchten, hier wegziehen und den Garten im Stich lassen zu müssen, falls ihr im Sommer gegründetes Miniatur-Reiseunternehmen nicht überleben würde. Es war eine gute Idee zur rechten Zeit am richtigen Ort:
Guelder-Rose. Gartenreisen am Niederrhein

Herr Klockenbring hatte sie ermutigt. „Eine ausgezeichnete Idee, Marlis. Lassen Sie sich nicht von diesem Sachbearbeiter beim Arbeitsamt entmutigen. Der Enthusiasmus macht’s, glauben Sie mir. Und es ist ja nicht so, als müssten Sie Tausende in Ihre Geschäftsidee investieren.“

Es würde noch Monate dauern, bis die ersten substantiellen Summen auf ihrem neu eröffneten Geschäftskonto bei der Volksbank Gelderland in Issum eintrudeln würden. Nicht vor Januar, genauer gesagt, wenn die ersten beiden Reisegruppen, die für die Osterzeit fest gebucht hatten, bezahlen würden. Reisegrüppchen wäre eine zutreffendere Bezeichnung, daher waren die Anzahlungen nicht besonders hoch gewesen.
Als erste hatten sich zwei Paare aus der Nähe von Schwerin angemeldet, Gartenenthusiasten, die einmal im Jahr gemeinsam eine Gartenreise unternahmen. Im Anschluss acht Leute eines Gartenclubs aus England, aus Devon, denen sie eine Woche lang private und öffentliche Frühlingsgärten am Niederrhein zeigen würde.
Die Mecklenburger hatte sie einer Reisebüro-Kollegin aus Schwerin zu verdanken, die englische Buchung dem German National Tourist Office in London. Das hatte sich vor nicht allzu langer Zeit – spät, aber immerhin – wohl vom Strom der Gartentouristen inspirieren lassen, der jedes Jahr vom Festland auf die Britischen Inseln floss.
Über Anzeigen in britischen Gartenzeitschriften und auf seiner Homepage wurde für Reisen in die Zentren deutscher Gartenkultur geworben und dies nicht ohne Erfolg.
Zu Beginn der Kampagne hatte man den Eindruck gewinnen können, sehenswerte Gärten und Parks gebe es hauptsächlich östlich der Elbe und südlich des Mains, vor allem in Bayern.
Von den niederrheinischen Gartenschätzen war einzig Schloss Dyck (Schlosspark with over 200 species of trees, up to 200 years old and 125 foot tall) erwähnt worden, wodurch der Eindruck erweckt wurde, dass der Niederrhein nur als Abstecher auf dem Weg in würdigere Gartenregionen dienen konnte. Nicht mal einen Link hatte man gesetzt.
Kaum hatte sie diese Unterlassung (Auslassung! Diskriminierung!) entdeckt, schrieb Marlis eine höfliche, aber heftige E-Mail nach London, gespickt mit Namen und Websites der sehenswertesten Gärten, Schlossparks und Klostergärten des Niederrheins.
Alte Gartenkultur … schon Friedrich der Große … Straße der Gartenkunst … gleich zwei niederrheinische Flughäfen mit kurzen Direktflügen ins Königreich und nach Irland … in Benrath und auf Schloss Dyck zwei Museen, die sich der Gartenkunst widmeten … die Offene Gartenpforte … Kleingartenvereine – kein Stichwort ließ sie aus.
Die Epistel endete mit einem Hinweis auf österreichische und deutsche Veranstalter von Gartenreisen, die selbstverständlich(!) den Niederrhein in ihren Programmen führten, und – last but not least – ihre eigene kleine, aber exklusive, ganz auf den Niederrhein und die benachbarte holländische Provinz Gelderland spezialisierte Gartenreise-Firma Guelder-Rose.
Ob sie die Einzige gewesen war, die das – aus deutschen Steuergeldern bezahlte? – Tourist Office auf seine merkwürdige Fehlsichtigkeit aufmerksam gemacht und dagegen protestiert hatte? Jedenfalls gab es in kürzester Zeit auf der Homepage des Tourist Office einen Hinweis auf Guelder-Rose Garden Tours mit Link auf Marlis’ Website. Und ihr wirklich ansprechendes Logo war auch zu sehen. Auf einem hellgrünem Oval ein Zweig mit den schäumenden weißen Blüten des Viburnum opulus, auch Schneeball genannt. Auf Englisch hieß der Strauch Guelder-Rose, in Holland wurde er Geldersche Roos genannt, Rose de Gueldre bei den Franzosen und auf Deutsch, angeblich, Gelderische Rose, aber sie hatte sich für Guelder-Rose entschieden.
Die Mail der Marketing Managerin des Tourist Office, die versprach, dass der Niederrhein in der Neuauflage der Broschüre (oh, es gab auch eine Broschüre!) berücksichtigt werden würde, war eine zusätzliche Befriedigung.
In ihren Wachträumen sah Marlis sich individuelle Reisen für Gartenenthusiasten aus Deutschland, England, Schottland, Irland, Österreich und der Schweiz (von Aberdeen bis Zürich …) zusammenstellen.

Sie sah auf ihre Armbanduhr. Noch reichlich Zeit für einen gemächlichen Rundgang durch den Garten, ehe sie sich umziehen musste. Gegen sechs wollten sich die Nachbarsfrauen auf dem Hof der Uhlenbroeks treffen, um für die Hochzeit von Herrn Hüllbusch zu kränzen.
Als sie noch in Geldern, in ihrer Mansardenwohnung mit Balkon, gewohnt hatte, war ihr der Brauch nur vom Hörensagen bekannt gewesen. Seit sie hier auf dem Land lebte, war sie zu einer geübten Wicklerin der weißen Krepp-Rosen geworden, die vor einer Hochzeit zu hunderten gewickelt wurden, an langen Abenden, bei Klatsch, Kuchen, oft auch Korn.
Mit den Blüten wurde die Haustür der Braut umkränzt, je nach der örtlichen Gegebenheit wurde auch der Weg zur Haustür geschmückt, mit Papier-Rosen und Bändern.Diesmal würde die Haustür des Bräutigams geschmückt werden, ausnahmsweise, und warum nicht – im Zeichen der Gleichberechtigung. Der Grund lag aber in seiner Beliebtheit und der Tatsache, dass hier geheiratet wurde, nicht etwa in Kerken, dem Wohnort seiner Zukünftigen.
Marlis’ Blick glitt über die niedrigen Buchsbaumhecken, welche die Beete einfassten. In den vier Jahren, die Marlis hier wohnte und seit sie die Betreuung des Gartens übernommen hatte, hatten sie sich in Bilderbuch-Hecken verwandelt. Zu Beginn hatte sie sich gescheut, kräftig zuzuschneiden. Nicht nur beim Buxus, auch bei anderen Sträuchern und Büschen.
Inzwischen war sie radikaler geworden und auch kühner in ihren Plänen. Anfangs hatte sie lediglich die vorhandenen Pflanzen gepflegt und Unkraut entfernt. Bald war sie sowohl von Lücken in den Beeten herausgefordert worden, die von ein- und zweijährigen Pflanzen hinterlassen worden waren, als auch von Ringelblumen, Fingerhut, Akelei und anderen sich selbst aussäenden Blumen, die sich fröhlich quer durch den Garten vermehrt hatten.

© Gesine Schulz

Die Kurzgeschichte gibt es als E-Book im Format ePub bei bücher.de, Donauland.at Hugendubel.de, Thalia.ch, XinXii, Weltbild.de, iBooks und weiteren Shops. Für den Kindle bei Amazon.de

Gedruckt ist Das Geheimnis der Guelder-Rose in diesen beiden Krimi-Anthologien enthalten:

Radieschen von unten. Gartenkrimis vom Tatort Niederrhein mit
mörderisch guten Gärtner-Tipps. Hrsg. von Gesine Schulz und Ina
Coelen. Vorwort von Susanne Paus. Leporello Verlag. 319 S. ISBN
978-3-936783-16-2

Mordsurlaub. Spannende Kriminalgeschichten für unterwegs.
Von Andrea Camilleri, Niklaus Schmid, Ursula Curtiss,
Elizabeth Bowen, Ruth Rendell, Sabine Deitmer, Gesine Schulz
u.a. Ausgewählt von Carolin Bunk und Hans Sarkowicz. Insel-Verlag. 203 S. ISBN 978-3-458-35122-1

 

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Über Gesine Schulz

Schriftstellerin mit Vorliebe für Krimis, Gärten, Katzen, Irland, England… – BÜCHER & eBOOKS: "Eine Tüte grüner Wind - Sommerferien in Irland" • "Darcy – Der Glückskater im Buchladen" • Kurzkrimis über die Fälle der Privatdetektivin & Putzfrau Karo Rutkowsky • Kurzgeschichten sowie die Kinderkrimiserie "Privatdetektivin Billie Pinkernell". WEBSITES www.gesineschulz.com & http://www.billie-pinkernell.de
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