Karl May setzte ihm ein Denkmal

Am Essener Hauptbahnhof sah ich heute Ntscho-tschi vorübereilen, Winnetous Schwester, wie Karl May-Fans wissen, und ich wunderte mich nicht, schließlich ist Karneval, aber der Anblick der jungen Indianerin erinnerte mich daran, dass ich hier Hobble-Frank erwähnen wollte. Eigentlich gestern schon, weil der 27. Februar sein Todestag ist.
Zumindest starb an diesem Tag 1958 in Essen der Mann, der vielen als das Vorbild für den sächselnden Trapper galt: Eduard Franke.
Er wurde auf dem Friedhof Am Hallo beerdigt. Ein Grab mit Aussicht quasi, wenn auch nicht auf die Prairie, sondern auf ein heutiges Weltkulturerbe.

Der mehrspaltige Nachruf in der WAZ vom 4. März 1958 trug die Überschrift

Karl May setzte ihm ein Denkmal
Eduard Franke, der „Hobble Frank“, gestorben

In den fünfziger Jahren war der Sachse mit der abenteuerlichen Vergangenheit im Ruhrgebiet eine bekannte Persönlichkeit; aber als ich vor Jahren bei einer Recherche zu einem anderen Thema zufällig auf den Bericht stieß, war ich verblüfft. Nicht nur hatte ich nie von Franke gehört (obwohl ich zur Zeit der Winnetou-Filme eine heiße Karl May-Phase durchlebte) – die Erinnerung an diesen Zirkusmann und Stummfilm-Artisten schien innerhalb weniger Jahrzehnte völlig aus dem Gedächtnis der Region verschwunden zu sein.

Sicher gibt es noch Menschen, die sich an Eduard Franke erinnern; die vielleicht im Zirkuszelt saßen, als Artisten des in Essen gastierenden Zirkus Busch den früheren Kollegen an seinem 85. Geburtstag auf ihren Schultern durch die Manege trugen. Oder gibt es pensionierte Zeitungsmenschen mit langem Gedächtnis, die ihm begegnet sind?

Ich wünschte, die WAZ, der WDR oder ein heimatkundlicher Verein würde sich des Themas annehmen. Und ist es nicht auch Stoff für einen Film? Fast seh‘ ich’s vor mir. Ein Doku-Drama, mit Zirkuskindern, Zarenfamilie, dressierten Schweinen, Flucht und Verlust, Stummfilmdrehs, dem Affen Toni und einem Wohnzimmer voller Erinnerungen im Schatten einer Zeche.

Ein paar Jahre nach meiner Entdeckung in den vergilbten Zeitungsbänden stellte ich den Fund und Eduard Franke alias Hobble-Frank in den Mittelpunkt meines Kurzkrimis Grab mit Aussicht. Darin wird Privatdetektivin Karo Rutkowsky von einem Karl May-Fan gebeten, Frankes Grab aufzuspüren. Die Telefonate zu Ämtern und Friedhofsverwaltungen, die ich sie machen lasse, hatte schon hinter mir, und auch den Gang über den Hallo-Friedhof mit seinen muslimischen Grabfeldern (wobei ich dort nicht zu Schaden kam).

Zuerst erschienen in der Anthologie Hängen im Schacht, hrsg. von H.P. Karr bei KBV, gab der Kurzkrimi später dem zweiten Band mit Karo-Krimis den Namen. (Wie das Buch per Zufall zu seinem Cover kam, das den Blick vom Friedhof hinab auf die Zeche Zollverein und Umgebung zeigt, berichte ich vielleicht ein andermal.)

Meinen Beitrag über Eduard Franke aus dem Anhang des Buches kann man auf meiner Website lesen. Ein Leben wie aus einem Karl May-Roman.

Das Haus in der Altenessener Straße, in dem Franke gewohnt hat, wurde übrigens im vergangenen Jahr abgerissen, im Rahmen der Sanierung und Neugestaltung des Uni-Viertels.

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Über Gesine Schulz

Schriftstellerin mit Vorliebe für Katzen, Gärten, Krimis, Irland, England… – VERÖFFENTLICHUNGEN: "Eine Tüte grüner Wind - Sommerferien in Irland" • "Darcy – Der Glückskater im Buchladen" & 5 weitere Darcy-Romane • Kurzkrimis über die Fälle der Privatdetektivin & Putzfrau Karo Rutkowsky • Kurzgeschichten • die Kinderkrimiserie "Privatdetektivin Billie Pinkernell". WEBSITES www.gesineschulz.com & http://www.billie-pinkernell.de
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