Zeitung mit Kosenamen

Die International Herald Tribune ist nicht mehr. Jedenfalls nicht mehr unter ihrem Namen. Schade. Die IHT heißt seit heute International New York Times.
Die New York Times Company, Besitzerin der International Herald Tribune, will sich durch die erneute Namensänderung als besser erkennbare globale Marke etablieren. Ökonomische Gründe in einer für Zeitungen überall nicht einfachen Zeit.

Es ist nicht die erste Namensänderung der berühmten Zeitung, „the paper of the American abroad“, wie der Londoner Guardian in seinem Rückblick schreibt – aber trotzdem.
Das Ende einer kleinen Ära der langlebigen legendären Zeitung. Sie verliert, bedauert die Süddeutsche Zeitung, mit dem Namen auch ihren Kosenamen.

In vielen Romanen (Hemingway, Fiesta) und Filmen (Godard, Außer Atem) taucht sie auf, ist verbunden mit unserem Blick auf all die Amerikaner und Amerikanerinnen in Paris zwischen den beiden Weltkriegen und danach. Auch für Deutsche im französischen Exil und anderswo war sie ein wichtiges Blatt. Klaus Mann war einer ihrer Leser.

Für mich ist das in Paris veröffentlichte Blatt mit einem amerikanischen Freund in Irland verknüpft; ein New Yorker, der über CNN und eben die International Herald Tribune das politische Geschehen in seinem Land aufs genaueste verfolgte; der bei amerikanischen Präsidentenwahlen heftig Partei ergriff und vor der ersten Wahl Obamas einen frechen, die Demokraten unterstützenden Aufkleber auf die Heckscheibe des Autos klebte und so seinen Teil zum Wahlkampf beitrug; der an sechs Tagen die Woche ins übernächste Dorf fuhr, immer so gegen elf, um vor dem Gemischtwarenladen auf die Ankunft der Zeitungen zu warten – als sie eine Weile auch in Irland gedruckt wurde, war es die tagesaktuelle Ausgabe, als der Druckort wieder aufgegeben wurde, die vom Vortag. Gelesene Exemplare gab er – meist noch am selben Tag – weiter an diverse Deutsche mit jahrzehntelanger Amerikaerfahrung, die an diesem atlantischen Küstenstrich Irlands gelandet waren. Er hoffte, sie subversiv zu einer liberaleren Einstellung zu beeinflussen.

Vor wenigen Monaten ist er gestorben, kurz nach seinem 80. Geburtstag, zu dem Gäste über den Atlantik anreisten und ihn Glückwünsche aus vielen Ländern erreichten.
Die Herald Tribune, unter welchem Namen auch immer, verlor einen ihrer treusten Leser.

In meinem kürzlich beendeten Roman hat er einen Gastauftritt, in einem Café sitzend und die International Herald Tribune lesend.
„Do you mind?“, hatte ich ihn gefragt.
„Oh no. Go ahead, Gesine. I don’t care,“ gab er mir sein Placet, lakonisch wie immer, aber auch ein wenig erfreut, schien mir.

Ich merke an, dass er seine Tribune im wirklichen Leben im Pub las.
Auch diese.

Foto: Gesine Schulz http://www.gesineschulz.com

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Über Gesine Schulz

Schriftstellerin mit Vorliebe für Krimis, Gärten, Katzen, Irland, England… – BÜCHER & eBOOKS: "Eine Tüte grüner Wind - Sommerferien in Irland" • "Darcy – Der Glückskater im Buchladen" • Kurzkrimis über die Fälle der Privatdetektivin & Putzfrau Karo Rutkowsky • Kurzgeschichten sowie die Kinderkrimiserie "Privatdetektivin Billie Pinkernell". WEBSITES www.gesineschulz.com & http://www.billie-pinkernell.de
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